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Das Berlin-Brandenburger Gospelchortreffen fand 2006 zum zehnten Mal statt. Zum Jubiläum versammelten sich vom 1. bis zum 3. September rund 350 Gospelfans aus der Region, um gemeinsam ein Power-Gospelwochenende zu feiern. Nachdem das Treffen 2005 in Berlin stattfand, waren dieses Jahr wieder Eberswalde und Chorin die Austragungsorte - wo alles vor zehn Jahren begann. Festivalband ist - wie bereits 2004 und 2005 - die Band ZOOM unter der Leitung von Alexander Riede. Zum Jubiläum gab's ein besonderes Highlight: Die beiden Leiter des "Afro Choir" aus dem schwedischen Uppsala waren mit dabei. Peter Ekengren und Arvid Nerdal gaben einen Workshop für die Teilnehmer des Festivals und blieben danach noch eine Woche in Berlin. Auf dem ökumenischen Stadtkirchenfest am 9. September waren sie noch einmal zu erleben.

Lest hier den Bericht von Ulrike Urner, Leiterin des Gospelchors "Joyful Noise":
(ein weiterer Bericht ist in der Märkischen Allgemeinen Zeitung erschienen >>)


10 Jahre Berlin-Brandenburger Gospelchortreffen
"Wir singen jetzt erstmal und dann sehen wir mal"





Zehn Jahre Gospelchortreffen. Das sind zehn Jahre auf Gemeindehausfußböden oder in Hotelbetten, zehn Mal Monate vorher planen, zehn Mal Workshop-LeiterInnen finden, zehn Mal die ganze Logistik für 300 Leute und mehr, zehn Mal ein Konzertprogramm erstellen, zehn Mass-Choir-Konzerte. Und zehn Mal die Frage, wie es wird. Weil man so Vieles nicht organisieren kann.

Freitag, 2. September 2006

Es ist später Nachmittag, als wir ins Brandenburgische Viertel einfahren. Wir gehören zu den ersten Teilnehmenden, und ich bekomme meinen zehnten Button, diesmal mit der Fensterrosette des Klosters Chorin, außerdem Ablaufplan, Straßenskizzen und der Hinweis aufs Abendbrot – langsam schwappt die Freude hoch: Gospelfestival! Im Eingangsbereich hängen schon die Listen mit den angebotenen Workshops; also schnell eintragen, bevor alles voll ist! Nach und nach kommen sie an in Eberswalde: 370 Sängerinnen und Sänger aus zig Chören aus Berlin und Brandenburg. Es gibt Menschen, die sehe ich nur dieses eine Mal im Jahr, ein lockerer Kontakt, leicht und unverbindlich und gleichzeitig ganz selbstverständlich. Wie schön, sich wiederzusehen!

Das Abendbrot geht zuende (und an dieser Stelle sofort ein dankbarer Kniefall vor der Eberswalder Kita-Küche! Ich weiß, dass ich mich wiederhole, aber ich bin nach wie vor davon überzeugt: Selbst wenn es das Gospelchortreffen nicht gäbe – allein für diese Verpflegung würde es sich lohnen, nach Eberswalde zu kommen!), die erste MassChoir-Probe beginnt. Antje Ruhbaum übernimmt das Einsingen, sehr gründlich, sehr gelassen, und sie schafft es: die große Menge wird ruhig und konzentriert sich! Wenn das mit 370 Leuten geht, dann muss es – theoretisch – auch mit 40 klappen. (Merken für zuhause!).


Alexander Riede (r.) gewinnt gerade noch ein bisschen gegen eine Erkältung, trotzdem studiert er schon mal zwei Lieder mit uns ein. Und es ist wie jedes Jahr: die Hälfte hört das Stück in dieser Probe zum allerersten Mal, ein Viertel hat es schon mal angeprobt und ein knappes Viertel kann’s. Der Rest überlegt noch ... Der Alt mault, dass er seine Stimme nicht kann, der Sopran versteht gar nicht, was an dem Stück so schwierig sein soll, und die Männer singen den Alt. Trotzdem klingt es schon recht beachtlich, was da beim ersten Durchsingen herauskommt.

Das liegt einmal am Chor selbst. Nach zehn Jahren Erfahrung sind viele doch deutlich gelassener geworden – immer nach dem Motto: Wir singen jetzt erst mal und dann sehen wir mal. Das liegt aber auch an den Musikern der Band "ZOOM". Unbeeindruckt tragen uns die vier durch alle verpatzten Triolen und wenn uns das Taktgefühl fehlt, halten sie unerschütterlich durch, bis auch der große Chor wieder weiß, wo das Lied eigentlich hin wollte. Sehr cool!

Ja – und dann treten sie zum ersten Mal in Erscheinung: "unsere" beiden Schweden, Arvid Nerdal und Peter Ekengren (l.). Zu Hause in Uppsala leiten sie den Afro Choir, mit dem sie voriges Jahr auch ein Konzert in der Gethsemanekirche gaben. In den ersten fünf Minuten herrscht noch leise Zurückhaltung auf beiden Seiten, aber danach geht’s ab. "Come though our mighty King" – bei der Begeisterung kann er sich eigentlich nicht mehr lange bitten lassen… Die Melodien sind einfach, die Texte schnell gelernt.

Schwieriger ist es mit dem Ausdruck – dass Mimik und Gestik das selbe ausdrücken, was der Mund singt. Aber auch hier können die beiden ansteckend vermitteln. Kein Zweifel: sie bieten nicht nur was zum Hören sondern auch zum Gucken, darin sind sich vor allem die Frauenstimmen schnell einig... Plötzlich ist die erste Probe schon vorbei. Mit einem praise, das in meiner soul ringt, geht es ins Gospelcafé zu einem Glas Wein, Bier oder Saft. Es bleibt nicht wirklich viel Zeit zum Schlafen; so viel muss noch beredet werden. Wie immer in den letzten zehn Jahren...



Samstag, 2. September 2006

Pfarrer Rolf Tischer beginnt den Chortag mit einer Andacht zum Thema Nächstenliebe. Den nächsten Stimmkollegen zu lieben ist während eines solchen Wochenendes nicht schwer. Aber auf die Dauer? Empfindlichkeiten und Streit in den Chören kennen wir alle, die einen mehr, die anderen weniger. Sich selbst und sich gegenseitig anzunehmen, nicht nur mit den musikalischen Schwächen, ist auch eine Aufgabe für unsere Chöre!

"Everybody bow down" – die Trompeten des Jüngsten Gerichts wecken auch die Letzten. Schüchternes Pöbeln aus den Stimmen wird konstruktiv für den weiteren Lernprozess umgesetzt ("Reißt Euch zusammen! Bässe sind doch sowieso nur faule Tenöre!") und so gehen wir in die erste Workshop-Runde mit dem beruhigenden Gefühl, dass auch das morgige Konzert ein weiterer musikalischer Meilenstein in der zehnjährigen Geschichte des Gospelchortreffens wird...

Choreographie, Stimmbildung, Rhythmus, ein Workshop mit Arvid und Peter, zwei Chöre, die noch für den Sonntagsgottesdienst in Chorin proben – das Angebot ist gewohnt vielseitig und reicht bis in den Nachmittag. Nur unterbrochen durch eine superleckere Gemüsesahnecremewunderbargewürztsuppe aus der Kita-Küche. Der Sommer verabschiedet sich mit herrlichem Sonnenwetter; wohl dem, der an leichte Kleidung gedacht hat! In der Mass-Choir-Probe werden Stimmen nachgeübt, Stücke zusammengesetzt und Tanzschritte geprobt. Gospel in seiner ganzen Bandbreite: Samba meets Bach.

Schon am Nachmittag hatten wir vorbereitet, was jetzt am Abend akut wurde: Wir mussten uns von Rolf Tischer verabschieden. Dieses Gospelchortreffen ist sein Kind, er hat es maßgeblich mit aus der Taufe gehoben, er hat seine ersten und auch die weiteren Schritte begleitet und er hat ihm in seiner Funktion als "Beauftragter für Popularmusik in der Ev. Landeskirche Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz" auch auf übergeordneter Ebene eine Position gesichert. Er hat sich immer dafür eingesetzt, dass das Festival geerdet bleibt und allen Chören ein Forum bietet, von "Ganz-am-Anfang" bis "Schon-fast-professionell". Daher – sagte er mir – ist es eine seiner Sorgen, dass für das Gospelchortreffen irgendwann mal mit einem Hochglanzprospekt geworben wird ... Eine gruselige Vorstellung, wohl wahr.

Nach zehn Jahren jedenfalls sieht er für sich die Zeit gekommen, sein Kind allein weiter laufen zu lassen. Es ist inzwischen groß geworden, und mit denen, die es weiterhin auf seinem Weg begleiten, hat es gute Perspektiven. Wir haben ihm einen Zuschuss für ein (Gospel-)Boot gesammelt, weil ihn momentan das Kajak-Fahren reizt. Und wir wünschen Dir, lieber Rolf, alles Gute für Deine weiteren Lebensplanungen – seien es nun Wildwasserfahrten oder Seenwanderungen. Vielen Dank für die Zeit und die Kraft, die Du in dieses Projekt investiert hast – sie war gut investiert!



Sonntag, 3. September 2006

Beim Frühstück geht der Blick aufs Wetter: Es stürmt, aber es regnet nicht. Hoffentlich bleibt das so. In der Klosterkirche Chorin fegt der Wind durch die fehlende Seitenwand. Blumenschmuck, Antipendien und die gedruckten Gottesdienstabläufe kapitulieren innerhalb der ersten Viertelstunde. Wir improvisieren; das haben wir gelernt in den letzten zehn Jahren. Schließlich weht der Geist auch, wo er will...

Viel Gospel auch im Gottesdienst, sowohl in der Liturgie als auch im thematischen Teil. Mit "I’ll be with thee" klingt die Jahreslosung noch mal an: "Ich lasse dich nicht fallen und ich verlasse dich nicht!". Und in der Predigt zur Heilung des Stummen weist Pfarrer Andreas Lorenz darauf hin, dass unsere Sprachlosigkeit in so vielen Bereichen auch durch Singen geheilt werden kann. Eine Erfahrung, die bestimmt viele Sängerinnen und Sänger bestätigen würden.

Eine großartige Kürbiscremesuppe und eine Soundcheck-Probe bilden eine gute Grundlage für das, worauf wir in den letzten 36 Stunden hingearbeitet haben: das Abschlusskonzert des Mass-Choir. Viele Besucherinnen und Besucher des Chorinfestes suchen sich einen Platz in der Kirche. Mit drei eigenen Stücken macht "ZOOM" den Anfang, dann baut sich der große Chor in die Apsis. Inzwischen ist die Kirche fast voll besetzt; drei Teenies bekennen mit einer Schrift im Gesicht "I love Malchi". Ob der Glückliche unter den 370 Sängern ist, die sich da vorne immer noch aufbauen?

"It’s gonna rain – come into this house”. Das stimmt. Der Sturm hat nachgelassen, dafür regnet es jetzt. Aber das macht weder dem Chor noch dem Publikum was, denn langsam springt der Funke über. Da steht hier mal jemand auf und mal da, immer mehr klatschen mit und bei "Oh happy day" gibt es endlich kein Halten mehr. Da kann man sogar zwei Zeilen mitsingen, und wer nicht steht und klatscht und singt, deutet zumindest ein Schunkeln an und wippt mit den Fußspitzen. Der Höhepunkt ist das letzte Stück: "With my hands and my feet I pray". Es wird Samba getanzt, und zwar nicht nur auf der "Bühne" sondern auch im Publikum! Hatten wir das schon mal? Schwer zu toppen, so was!

Am Ende des Konzertes wird Rolf Tischer offiziell verabschiedet. Bis heute ist unklar, ob und wie die Stelle ab Januar 2007 besetzt und vor allem finanziert wird. Bisher hat das der Kirchenkreis Steglitz dankenswerterweise übernommen. Aber letztlich ist das nicht die Aufgabe eines Kirchenkreises, sondern der Landeskirche. Dass das bisher nicht geschehen ist, finde ich ausgesprochen peinlich und es bleibt nur zu hoffen, dass sich an dieser Stelle etwas bewegt.

Ein großer Dank ging auch an Pfarrer Hanns-Peter Giering aus Eberswalde. Er hat während des Wochenendes so viel im Hintergrund gemanagt, dass er kaum zu sehen war. Nicht auszudenken, was gewesen wäre ohne seine hervorragende Organisation! Zehn Jahre Gospelchortreffen, und auch dieses Mal konnten alle mit vielen tollen Erinnerungen nach Hause fahren. Vieles kann man fördern, aber nicht ‚machen’: Stimmung, Atmosphäre, Begeisterung, Spaß, Freude. Aber das alles war da. Das macht dankbar und schürt die Vorfreude aufs nächste Mal: auf das elfte Berlin-Brandenburger Gospelchortreffen vom 7. bis 9. September in Berlin.

Text: Ulrike Urner / Fotos: Uwe Thien





 



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