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Turnhallen-Schwitzen und heiße Spontanparties

Bericht vom 6. Berlin-Brandenburger Gospelchortreffen in Eberswalde und Chorin

Von Ulrike Urner
(uli.urner@bigfoot.de
)


Mit Schwung hinein in die 30er-Zone "...und dann immer geradeaus auf das einzige Haus mit rotem Ziegeldach zu!"; kann ja nicht so schwer sein. Rechts Platte, links Platte und geradeaus - das Haus des DRK... Moment. Drei Parkplätze später wird klar: so komme ich nicht weiter. Also zurück. DRK, Sparkasse, irgendwo hier muss doch das Gemeindehaus sein! Alles sieht gleich aus, 30 Grad im Schatten und die Lederkombi verlangt ihren Tribut. "Dochdoch, Sie sind schon richtig. Fahr'nse einfach über die Lieferantenstraße, das machen doch alle hier so!"

Endlich! Das Gemeindehaus, die Turnhalle und ein Dutzend Leute mit Schlafsäcken unterm Arm: Angekommen beim sechsten Berlin-Brandenburger Gospelchortreffen! Jetzt schnell das schwere Zeug aus, bevor ich ganz weichgekocht bin. Da kommt auch schon Hanns-Peter Giering strahlend auf mich zu. Unser Cheforganisator vor Ort zeigt mir den Weg zu kalter Cola und einem Platz im Schatten.

Zum dritten Mal treffen wir uns in Eberswalde, zum ersten Mal im Brandenburgischen Viertel. Hier hat die Gemeinde ein neues Haus gebaut, mit rotem Ziegeldach, eingeschossig, und mit Liebe und Geschmack eingerichtet. Eine kleine Oase zwischen den großen Häuserblöcken und dem Straßengewirr. Gleich nebenan die Turnhalle, in der die Gesamtproben stattfinden sollen. Hier herrschen Temperaturen zwischen 43 und 47 Grad und es ist schon schwer Aktion: Teppiche legen gegen den Hall, Gesangsanlage und Schlagzeug aufbauen, Kirchentags-Papphocker montieren und immer wieder Leute begrüßen, die dazukommen.

Um 18 Uhr sind etwa 200 SängerInnen eingetroffen - rechtzeitig zum Abendbrot. Es gibt verschiedene gute Gründe, immer wieder nach Eberswalde zu kommen. Da ist zum ersten das überwältigende Abendbrotbuffett am ersten Tag, zweitens das Frühstück in den Quartieren. Dann das Mittagessen am zweiten Tag und die liebevoll gepackten Survivalpakete für den zweiten Abend - von meinem habe ich Sonntagmittag noch gezehrt!



Masschoir-Training in der zum Probenraum umfunktionierten Turnhalle in Eberswalde (Foto: Ralf Roletschek)
 
Masschoir-Training in der zum Probenraum umfunktionierten Turnhalle in Eberswalde (Foto: Ralf Roletschek)



Masschoir-Training in der zum Probenraum umfunktionierten Turnhalle in Eberswalde (Fotos: Ralf Roletschek)



Rundum satt ziehen wir um 19.30 Uhr zur ersten Gesamtprobe in die mollige Turnhalle. Und trotzdem es warmwarmwarm ist, braucht es nur das Einsingen (von Sich-warm-machen traute sich niemand, zu reden) und das erste Lied und der Spaß an der gemeinsamen Musik ist da. Die Band setzt ein, und gut 200 Menschen kommen in Bewegung.

Wir ChorleiterInnen - Holger Paetzeld, Till Sauer, Christoph Zschunke, Stephan Zebe und ich - üben Einzelstimmen, erklären Einsätze, trösten, albern rum und freuen uns über das, was nach und nach entsteht: ein Masschoir mit einer Menge power! Um 22.30 Uhr geht's zu einem letzten Bier (oder Cola oder Saft oder Selter oder oder oder - im Jugendraum ist der Tresen wieder eröffnet) zurück ins Gemeindehaus und danach in die verschiedenen Betten bzw. Schlafsäcke.

Samstag früh. Diese abknickende Vorfahrt kommt mir bekannt vor. Aber bin ich gestern auch über stillgelegte Eisenbahnschienen gefahren? Die Häuser sehen aus wie die gestern, aber wo sind die beiden Bodenwellen, über die ich bisher jedes Mal hoppeln musste? Ich will ein GPS... Um 9.00 Uhr - mitten in der Nacht - beginnt das Workshop-Programm.

Knapp hundert Leute lassen sich in der Turnhalle bei 31 Grad (das bedeutet einen Temperatursturz in der Halle von 16 Grad) rhythmisch von Wolfgang Thierfeldt auf die Spur setzen, 25 potentielle SolistInnen proben mit Angi Domdey den Ernstfall, Christoph Zschunke lässt an Leiden und Freuden eines Chorleiters teilhaben, Stephan Zebe gibt eine Einführung ins Spiel des Gospelpiano, Dorothee Fueller entwickelt einfache Performances für Gospelkonzerte und Rolf Tischer und Till Sauer zeigen in Geschichte und Musikbeispielen das "Herz des Gospel". Auch hier klappt die Eberswalder Organisation perfekt - man könnte sich dran gewöhnen.


Eindrücke von der Landesgartenschau 2002 in Eberswalde (Foto: Ralf Roletschek)
 
Eindrücke von der Landesgartenschau 2002 in Eberswalde (Foto: Ralf Roletschek)



Eindrücke von der Landesgartenschau 2002 in Eberswalde (Fotos: Ralf Roletschek)



Nach dem Mittagessen geht es in die zweite Gesamtprobe (39 Grad). Innerhalb von drei Stunden werden die noch fehlenden Liedteile geprobt und Band, Chor und SolistInnen zu einem Ganzen zusammengesetzt. Schließlich soll jede/r beim Konzert am Sonntag in Chorin wenigstens eine Ahnung davon haben, wer oder was wann drankommt. Und dann ist er da: Der erste Höhepunkt des diesjährigen Gospelfestivals! Ab 18 Uhr gehört die Bühne auf der Landesgartenschau in Eberswalde der Gospelmusik.

Neun Chöre mit und ohne Bands beschäftigen bis 21 Uhr das Publikum. Zuhören, mitsingen, mitklatschen - ich bin zwischendurch völlig erstaunt! Sicher wissen nur die wenigsten BesucherInnen der LaGa (so das Insider-Kürzel) von einem Gospelkonzert, aber die meisten bleiben bis zum Ende dabei. Für mich ist es die Gelegenheit, endlich mal wieder die anderen Chöre live zu erleben und nicht nur von ihnen zu hören oder zu lesen. Ich genieße es, freu' mich immer wieder über die Vielfalt, die diese vielen Menschen zustande bringen und wie viele verschiedene Menschen dadurch mit der guten Nachricht des Gospel erreicht werden.



Gospelchorkonzert am Samstag Abend auf der LaGa (Foto: Christine Hermann)
 
Gospelchorkonzert am Samstag Abend auf der LaGa (Foto: Christine Hermann)
 
Gospelchorkonzert am Samstag Abend auf der LaGa (Foto: Christine Hermann)
 
Gospelchorkonzert am Samstag Abend auf der LaGa (Foto: Christine Hermann)



Gospelchorkonzert am Samstag Abend auf der LaGa (Fotos: Christine Hermann)



Um 21 Uhr ist dann Feierabend auf der LaGa. Nach meinen üblichen drei Zusatzrunden durchs Brandenburgische Viertel (Mäßig schön, diese Turnhalle. Aber unsere sah irgendwie anders aus...) gerate ich im Gemeindehaus in unerwartete Turbulenzen: Viele vordergründig erschöpfte SängerInnen inszenieren plötzlich eine Spontanparty mit Tanzen, Singen und viel Gelächter über viele skurrile Ideen.

Hoch im Kurs stehen Klassiker wie "I love the flowers" oder "Kalinka", aber auch regionale Reißer wie "Ich ging emol spaziere" werden mitgegrölt (besonders reizvoll durch die schwäbisch-brandenburgischen Dialektüberlagerungen - "Ick jing emol spaziere..." ). Und wenn gar nichts mehr geht, bleiben immer noch vertonte Schubidubiduas. Nicht tot zu kriegen... Gegen Mitternacht reiße ich mich los - die Erfahrung hat mich gelehrt, dass ich nie auf direktem Weg zurückkomme und ich will vor dem Sonntagsgottesdienst doch noch etwas schlafen.



Die imposante Klosterruine in Chorin (Foto: Christine Hermann)  
Die imposante Klosterruine in Chorin (Foto: Christine Hermann)



Gospelmusik vor imposanter Kulisse - die Klosterruine von Chorin (Fotos: Christine Hermann)



Sonntag. Kaiserwetter. Manchmal wünsche ich mir, malen zu können. Der erste Blick von der Straße auf die Klosteranlage Chorin ist immer wieder so schön, dass ich am liebsten stehen bleiben würde, nur um zu gucken. Aber mich erwartet ja auch im Kloster etwas Schönes: ein Gottesdienst mit viel Gospel und einer Predigt von Till Sauer, die zu Herzen geht. "Worauf Du Dich verlassen kannst", wenn Du das Gefühl hast, verlassen zu sein - das ist das Thema für die folgenden anderthalb Stunden.

Gott, der uns immer trägt; ob wir nun fröhlich oder traurig sind, ob es uns gut geht oder schlecht, ob wir alt sind oder jung - auf ihn können wir uns verlassen, selbst wenn wir uns auf uns selbst nicht mehr verlassen mögen. Kleine und große Menschen haben gemeinsam vorbereitet und schaffen in dem ganzen Trubel dieser drei Tage eine echte Auszeit. Kommentar einer Sängerin aus unserem Chor (Joyful Noise): "Wer nicht dabei war, hat echt was verpasst."

Kaum ist die Kirche wieder leer, geht es weiter mit den Vorbereitungen zum Soundcheck. Ein Chorkonzert mit Band ist in dieser gotischen Langschiffruine immer wieder eine Herausforderung. Aber dieses Jahr erleben wir, dass es geht! Es ist möglich, dass auch in der letzten Reihe noch etwas anderes ankommt als Klangbrei, und es ist möglich, Band und Chor tontechnisch zusammenzukriegen. Hut ab vor den Technikern der Moabiter Musiktage!


Der Gospelchortreffen-Masschoir beim Abschlusskonzert in Chorin (Foto: Uwe von Pokrzywnicki)
 
Der Gospelchortreffen-Masschoir beim Abschlusskonzert in Chorin (Foto: Uwe von Pokrzywnicki)



Gospelchortreffen-Masschoir und Band beim Abschlusskonzert in Chorin (Fotos: Uwe von Pokrzywnicki)



Und dann das Konzert: 300 Leute im Masschoir und der Band, die Kirche voll mit Publikum - mit noch zwei Chorleitern bin ich mir einig, dass wir später, im Himmel, auf jeden Fall einen Gospelchor leiten wollen. Bis einem von uns einfällt, dass wir dann ja selbst der Gospelchor sind. Für den Spaß an der Sache sei hier noch ein Chorleiter zitiert (nach dem Lied 'Let Your kingdom come'): "Mensch, guck mal! Die strahlen ja alle!" Es ist ein fröhliches Konzert mit viel Taktgefühl ("One, Till, three, four...") und Bewegung ("Und glaubt mir einfach: Wenn sich alle um Euch herum anders bewegen als Ihr, dann hat die Mehrheit recht!") und ein klasse Abschluss dieser drei Tage in Eberswalde.


Abschlusskonzert in Chorin (Foto: Christine Hermann)
 
Abschlusskonzert in Chorin (Foto: Christine Hermann)


Abschlusskonzert in Chorin (Fotos: Christine Hermann)



Anderthalb Stunden bin ich dann noch mal unterwegs bis zuhause. Bevorzugte musikalische Reiseuntermalung ist "Give him Glory"; ab 120 km/h kommt "Praise his holy name" besser. Für Autobahnauf- und -abfahrten empfehle ich "Let Your kingdom come" wegen der Turnarounds am Schluss, und für die unmotivierten Bremser auf der mittleren oder linken Spur "Ride on, King Jesus - no man can-a-hinder me!" (Einmal höre ich mich auch "Soon and very soon we're going to see the King" singen - das aber - Gottseidank - nur einmal). Nächstes Jahr gibt es wegen des Kirchentages nur ein Bonsai-Festival in Berlin-Lankwitz: Samstag/Sonntag, den 20./21. September 2003. Damit wir nicht zwei Jahre ganz auf dem Trockenen sitzen. Man wird nämlich süchtig.

Ach so - habe ich eigentlich schon erwähnt, dass das Wochenende ohne die perfekte Organisation von Hanns-Peter Giering und den anderen Eberswaldern nur halb so schön geworden wäre? Man kann es gar nicht oft genug sagen: Ihr ward super!


Rückblick: Bericht vom 5. Gospelchortreffen 2001 in Lehnin >>






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